Agoraphobie

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Agoraphobie

Eingepfercht in einer Menschenmenge – mögen tun das nur die Wenigsten. Wer allerdings regelrechte Panikattacken bekommt, könnte an Agoraphobie leiden.

Agoraphobie nennt sich die übertriebene Angst vor bestimmten Situationen, denen man etwa im Notfall nur schwer entkommen kann. Menschen, die an einer Agoraphobie leiden, vermeiden unter anderem weite Plätze, Menschenmengen, Kinos, Busse oder Fahrstühle. Viele erleben in einer angstbesetzten Umgebung bedrohlich erscheinende körperliche Symptome wie Herzrasen und Schwindel.

Mit der Zeit steigert sich die Angst so stark, dass der Alltag für Betroffene fast unmöglich zu bewältigen ist. Agoraphobie gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen.

In Deutschland sind etwa 1,5 Millionen Menschen von Agoraphobie oder Panikstörung betroffen, Frauen doppelt so häufig wie Männer. Die Erkrankung tritt oft im Alter zwischen 20 und 30 Jahren auf.

Autor: Marta Mustermann
Position: Psychologin
Aktualisiert: 29.04.2021

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Agoraphobie?

Der Begriff Agoraphobie leitet sich von dem altgriechischen Wort „agora“ ab. Die Bezeichnung „Agora“ bedeutet Marktplatz und „phobie“ Furcht zeigt auf, dass Menschen mit Agoraphobie Angst vor öffentlichen Plätzen haben. Die Agoraphobie wird daher auch als „Platzangst“ bezeichnet.

Dies ist jedoch irreführend. Denn die meisten Menschen verstehen unter Platzangst die Angst vor engen, kleinen, abgeschlossenen Räumen. Diese Klaustrophobie (Raumangst) gehört jedoch zu den spezifischen Phobien.

Kennzeichnend für die Agoraphobie ist, dass bei Betroffenen eine deutliche und anhaltende Furcht vor Orten und Situationen, aus denen eine Flucht erschwert ist, vorliegt. Beispiele dafür sind:

  • Kino oder Theateraufführungen
  • Bahn, Bus oder Flugzeug
  • Warteschlangen
  • Aufzüge
  • Kaufhäuser

Wichtig:

Die Agoraphobie bezieht sich im Gegensatz zu vielen anderen Angststörungen nicht auf eine bestimmte Situation oder ein bestimmtes Objekt. Sie kann an ganz verschiedenen Orten auftreten.

Bei vielen Betroffenen geht die Agoraphobie mit Panikattacken einher. Rund 40 Prozent der Patienten leiden an einer Agoraphobie mit Panikstörung. Panikattacken sind heftige Angstanfälle, die in der Regel wenige Minuten andauern. Die Betroffenen erleben sie als äußerst bedrohlich, weil neben den psychischen Symptomen auch starke körperliche Beschwerden auftreten.

Durch die Panikattacken bzw. die Angst vor weiteren Panikattacken entsteht meist ein Vermeidungsverhalten bei den Betroffenen, welches wiederum zu einer starken Einengung des persönlichen Bewegungsspielraumes führen kann und das berufliche sowie private Leben deutlich erschwert.

Ohne therapeutische Hilfe führt die Agoraphobie zu einer starken Einschränkung der Lebensqualität. Manche Menschen trauen sich überhaupt nicht mehr aus dem Haus zu gehen oder benötigen dazu eine Begleitung.

Symptome

Die Symptome für Agoraphobie, welche eine Indikation für eine psychotherapeutische Behandlung sind, können vielfältig sein. Sie werden in der Regel nach der ICD-10 F40.0 Klassifikation psychischer Störungen bestimmt.

Im Folgenden zeigen wir Ihnen die häufigsten psychischen (1) und physischen (2) Symptome.
Als Hauptkriterium müssen sie mindestens zwei der folgenden Situationen meiden oder diese stark und anhaltend fürchten:

  • Menschenmengen
  • Öffentliche Plätze
  • Alleine Reisen
  • Reisen mit weiter Entfernung von Zuhause

Darüber hinaus müssen mindestens zwei der folgenden physischen oder psychischen Angstsymptome vorhanden sein, die auch zusammen auftreten.
 
(1) psychische Symptome

  • Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit
  • Gefühl, man selbst oder die Umwelt seien nicht real (Depersonalisation oder Derealisation)
  • Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder auszuflippen
  • Angst zu sterben

(2) physische Symptome
Menschen mit Agoraphobie leiden immer unter einem oder mehreren der folgenden Symptome:

  • Herzklopfen oder erhöhte Herzfrequenz
  • Schweißausbrüchen
  • Fein- oder grobschlägiges Zittern
  • Mundtrockenheit (nicht infolge von Medikation oder Exsikkose)
  • Hitzewallungen oder Kälteschauer
  • Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle

Häufige Symptome, die Thorax und Abdomen betreffen:

  • Atembeschwerden
  • Beklemmungsgefühl
  • Brustkorbschmerzen oder –missempfindungen
  • Übelkeit oder Unruhegefühl im Magen

Wichtig:

Die Symptome müssen sich ausschließlich oder vornehmlich auf die gefürchteten Situationen oder Gedanken an sie beschränken.

Obwohl den Betroffenen bewusst ist, dass Ihre Ängste überzogen sind, leiden sie sehr stark unter diesen. Das Wissen allein reicht nicht aus, um die Angst zu bezwingen. Ganz im Gegenteil sie wird mit der Zeit immer stärker und tritt bereits auf, wenn sich die Patienten die gefürchtete Situation lediglich vorstellen.

Dadurch entsteht ein Vermeidungsverhalten bei den Betroffenen. Sie schränken zunehmend Ihre Freizeitaktivitäten ein, auch ihrer Arbeit nachzugehen wird zu einer Herausforderung. Die Agoraphobie hat schwerwiegende Auswirkungen, sowohl beruflich und finanziell, als auch im privaten und sozialen Leben. Daher sollten Sie, sobald Sie die Symptome bei sich oder dem Betroffenen beobachten, einen Arzt provisorisch aufsuchen.

Ursachen

Die Ursachen für das Entstehen einer Agoraphobie sind vielfältig. Meist sind mehrere Faktoren notwendig, damit die Erkrankung ausbricht. Auf biologischer Seite gibt es die genetischen Anlagen (Vererbung), die das Risiko für eine Angsterkrankung erhöhen.

Neben genetischen Faktoren spielen auch bestimmte Denkstile, Annahmen oder Verhaltensweisen eine Rolle, ist z.B. einmal eine Panikattacke aus heiterem Himmel aufgetreten, bekommen die Betroffenen häufig große Angst vor einer erneuten Attacke und beobachten ihren Körper genau. Diese Angstsensitivität kann dann einen Teufelskreis in Gang setzen, indem der Betroffene bei jedem noch so kleinen Körpersignal in Panik gerät.

Aber auch psychosoziale Faktoren, wie ein schwerer Schicksalsschlag oder eine lang andauernde Belastung können die Entwicklung einer Störung maßgeblich begünstigen.
 
Ursachen einer Agoraphobie auf einen Blick:

  • Schicksalsschläge: Tod eines nahestehenden Menschen oder eine Trennung
  • Positiv-anstrengende Ereignisse: Ein neuer Job oder die Geburt eines Kindes
  • Lang andauernde Belastungen: dauerhafte Überlastung bei der Arbeit, Pflege eines Angehörigen
  • Schwerwiegende Erlebnisse in der Kindheit: Tod, Krankheit, Alkoholmissbrauch in der Familie
  • Vererbung: Kinder, deren Eltern unter Agoraphobie leiden, haben ein erhöhtes Risiko, diese psychische Störung ebenfalls zu entwickeln.
  • Dysfunktionale Gehirnfunktionen: Botenstoffe im Gehirn haben einen Einfluss auf die Entstehung. Fehlfunktionen des Serotonin und Noradrenalin ausschüttenden Systems sind dabei mögliche Ursachen.

Wichtig:

Menschen in Partnerschaften leiden seltener an der Angststörung als Alleinstehende.

Der Teufelskreis der Angst (nach Schneider&Margraf, 2017):

Diagnose und Untersuchung

Die Diagnose von Art und Ausmaß der psychischen Belastung und den krankheitsbezogenen Risikofaktoren erfolgt immer in enger Zusammenarbeit mit Ihrem behandelnden Arzt.

In einem Gespräch wird dieser nach den einzelnen Beschwerden, dem allgemeinen Gesundheitszustand, der Familiengeschichte und nach körperlichen Erkrankungen fragen und so überprüfen, ob eine Agoraphobie und/oder Panikstörung vorliegt.

Neben einem ausführlichen Gespräch gehören zur Untersuchung auch ein Blutbild sowie ein Elektrokardiogramm (EKG) zur Überprüfung des Herzens. Bei Bedarf wird der Arzt noch weitere Untersuchungen vornehmen.

Zur Ergänzung des klinischen Eindrucks wird die Diagnostik durch Fragebögen wie beispielsweise das Mobilitätsinventar (MI) oder die Panik- und Agoraphobieskala ergänzt. Der Arzt könnte Ihnen folgende Fragen stellen:

  • Gibt es Orte oder Situationen, die Sie aus Angst vor Angstanfällen vermeiden?
  • Wie fühlen Sie sich in an öffentlichen Plätzen
  • Erleben Sie manchmal starke Angst im Zusammenhang mit körperlichen Symptomen, wie zum Beispiel Herzklopfen oder Atemnot?

Letztlich kann eine profunde Diagnose nur durch einen erfahrenen Arzt oder Psychotherapeuten gestellt werden. Sofern Sie den Verdacht haben, an einer Agoraphobie zu leiden, sollten Sie unbedingt einen Arzt oder Psychotherapeuten aufsuchen.

Behandlung

Eine Agoraphobie ist mit Hilfe von verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten therapierbar. Neben einer medikamentösen Betreuung (1) empfiehlt sich vor allem die Kognitive Verhaltenstherapie (2) zur Behandlung der Agoraphobie. Als Alternative bietet sich die Psychodynamische Psychotherapie (3) an.
 
(1) Medikamentöse Behandlung
Zur medikamentösen Behandlung der Agoraphobie werden hauptsächlich Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, wie Citalopram oder Paroxetin, eingesetzt. Diese Wiederaufnahmehemmer sorgen dafür, dass der Botenstoff Serotonin länger in der Zelle wirken kann.

Die Wirkung dieser Medikamente tritt allerdings erst nach etwa vierzehn Tagen ein und die Verträglichkeit des jeweiligen Medikaments ist von Person zu Person sehr unterschiedlich.
 
(2) Kognitive Verhaltenstherapie
Die kognitive Verhaltenstherapie hat sich unter den Psychotherapieverfahren als besonders wirksam bei Agoraphobien und Panikstörungen erwiesen. Bei dieser Therapie werden Denkmuster hinterfragt und bearbeitet und der Patient wird unterstützt, sich seiner Angst aktiv zu stellen. Allerdings muss sich der Betroffene im Rahmen dieser Therapie intensiv mit seinen Ängsten auseinandersetzen, um erfolgreich zu sein.

Die Konfrontation mit angstbesetzten Orten und Situationen bezeichnet man in der Psychotherapie als Exposition. Der Patient wird dabei ermutigt, sich Situationen auszusetzen, in denen Angstsymptome oder Panikattacken auftreten.

Diese Konfrontation mit der Angst führt dazu, dass die Angst nach einer Weile von alleine absinkt. Der Patient macht die Erfahrung, dass die Angst vor der Angst schlimmer ist, als das Erlebnis an sich. So kann das gelernte Angstverhalten reduziert und ein günstigeres Bewältigungsverhalten erlernt werden. Dieses Vorgehen wird mit viel Unterstützung und nach ausführlicher Vorbereitung schrittweise durchgeführt.

Darüber hinaus weist der Therapeut den Betroffenen daraufhin, seine Gedanken genau zu beobachten und irreale Ängste zu erkennen. Durch die Überprüfung und Revidierung von irrationalen Denkmustern, lernt der Patient Bewertung und Interpretation von bestimmten Situationen und Reizen, die zur Aufrechterhaltung der jeweiligen Symptomatik beitragen, zu verändern.
 
(3) Psychodynamische Psychotherapie
Bei der psychodynamischen Psychotherapie geht man davon aus, dass hinter den Angstsymptomen ein ungelöster Konflikt liegt. Dieser Konflikt wird in der Therapie aufgedeckt und gemeinsam bearbeitet. So kann die Angst im Laufe der Zeit bewältigt werden. Typische Beispiele für ungelöste Konflikte sind eine Trennung, unterdrückte Gefühle oder der Tod einer geliebten Person.

Ziele

  • Aufbau von Krankheitsverständnis und einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung
  • Psychoedukation zur Störung und Entwicklung eines individuellen Krankheitsmodells
  • Kognitive Therapie zur Modifikation angstauslösender Gedanken und Erkennen dysfunktionaler Kognitionen
  • Begleitetes Aufsuchen schwieriger Situationen zur Ausweitung des Bewegungsradius und Abbau des Vermeidungsverhaltens
  • Verhaltensübungen zur Verbesserung der sozialen Integration, der Wiederherstellung der beruflichen Leistungsfähigkeit und der Verbesserung des Selbstvertrauens
  • Rückfallprophylaxe

Im Laufe der Zeit wird es immer weniger Orte geben, an denen die Angst auftritt. Nach ungefähr zwanzig Sitzungen sind die meisten Patienten in der Lage, sich angstfrei in gefürchtete Situationen zu begeben.

Neben der Therapie empfehlen Experten auch sportliche Betätigung. Ausdauertraining soll zu einer Verbesserung der Symptome beitragen. Auch die Teilnahme an Selbsthilfegruppen ist für den Betroffenen oft eine hilfreiche Unterstützung.

Was können Angehörige oder Freunde tun?

Meist sind Angehörige und Freunde bei einer Agoraphobie mitbetroffen, da gemeinsame Unternehmungen wie Reisen oder Kinobesuche mit einem Angstpatienten oft nicht möglich sind.

Oftmals helfen Angehörige der betroffenen Person den Alltag zu bewältigen, indem Sie diese beim Bus fahren oder Lebensmitteleinkauf begleiten. Solche Hilfestellungen sind gut gemeint und kurzfristig auch entlastend. Langfristig tragen sie aber dazu bei, die Erkrankung aufrechtzuerhalten.

Für Angehörige gilt es in erster Linie sich gut über Panikstörungen bzw. Agoraphobie informieren, weil sie nur so die Krankheit und das Verhalten des Betroffenen verstehen können.

Für das Wohlbefinden ist es der Angehörigen ist es darüber hinaus wichtig, dass diese sich selbst nicht zu sehr einschränken. Entwickelt sich die Agoraphobie eines Partners oder Freundes zu einer ständigen Belastung, stehe ich Ihnen gerne zur Seite.

Krankheitsverlauf und Prognose

Eine Agoraphobie verläuft oft in Phasen. Dabei kann die Verfassung der Betroffenen täglich schwanken und auch nach mehreren Wochen ohne Beschwerden könne die Angstsymptome wiederkehren.

Ohne Behandlung verläuft eine Agoraphobie meist chronisch. Je länger die psychische Störung besteht, desto wahrscheinlicher kommen noch weitere Probleme, wie depressive Symptome oder Alkoholmissbrauch hinzu.

Deshalb ist es sinnvoll, so früh wie möglich, eine therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Besonders die Konfrontationstherapie hat sich als probates Mittel gegen die Agoraphobie erwiesen und schon vielen Menschen geholfen ihre Angst und Panik im Alltag zu bewältigen.

Häufigkeit

In Deutschland gehören Agoraphobie und Panikstörung zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Etwa 1,5 Millionen Menschen leiden an Agoraphobie oder Panikstörungen. Frauen sind dabei dreimal so häufig betroffen wie Männer. Die Erkrankung tritt meist erstmals im jungen Erwachsenenalter auf.

Darüber hinaus entwickeln viele Betroffene weitere Angststörungen, aber auch Depressionen, Alkoholabhängigkeiten und Persönlichkeitsstörungen.

Quellen und Lesetipps

  • Heinrichs, N. (2007). Ratgeber Panikstörung und Agoraphobie, Informationen für Betroffene und Angehörige. Göttingen: Hogrefe.
  • Schmidt-Traub, S. (2016). Angst bewältigen: Selbsthilfe bei Panik und Agoraphobie 6. Aufl. Berlin: Springer.
  • Mathews, Gelder & Johnston: Platzangst – ein Übungsprogramm für Betroffene und Angehörige, Karger
  • Schneider & Margraf: Agoraphobie und Panikstörung. Fortschritte der Psychotherapie, Hogrefe.

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