Eye Movement Desensitization and Reprocessing

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EMDR

Die Abkürzung EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing und bezeichnet ein therapeutisches Verfahren, das insbesondere zur Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen eingesetzt wird. Es wurde Ende der 80er Jahre von der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro entwickelt.

EMDR beruht auf der Annahme, dass traumatische Erfahrungen das biochemische Gleichgewicht des Gehirns negativ beeinflussen können, was dazu führt, dass diese Erfahrungen nicht verarbeitet werden können. Bei der Behandlung von Traumata setzt EMDR auf die Stimulation beider Gehirnhälften, vor allem der Augenbewegungen.

EMDR ist ein vom Bundesausschuss für Ärzte und Krankenkassen anerkanntes Verfahren zur Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen bei Erwachsenen.

Autor: Marta Mustermann
Position: Psychologin
Aktualisiert: 29.04.2021

Inhaltsverzeichnis

Was passiert bei EMDR?

Bei einer EMDR Therapie soll der Patient unter Anleitung des Psychotherapeuten Erinnerungen an das Trauma aufrufen. Dabei macht sich EMDR das Wissen, dass die Erfahrungen des Tages insbesondere in den Phasen des Schlafs, die mit raschen Augenbewegungen einhergehen, verarbeitet werden, zu nutze.

Dazu wählt der Patient gemeinsam mit dem Therapeuten eine konkrete traumatisierende Erfahrung aus und definiert ein Ziel. Nun wird der Patient aufgefordert den Fingern des Therapeuten mit den Augen zu folgen. Die Finger bewegen sich dabei schnell und rhythmisch von links nach rechts. Diese Sequenz kann mehrmals pro Sitzung durchgeführt werden und dauert in der Regel eine Minute.

Durch diesen Vorgang soll die Informationsverarbeitung im Nervensystem angeregt und die Integration der traumatischen Erfahrungen ermöglicht werden.

Zur Stimulation des Nervensystems können neben den Augenbewegungen auch Töne oder Berührungen des Handrückens genutzt werden.

Am Ende einer Sitzung wird dann das Ergebnis bzw. die Erfahrungen des Patienten besprochen. Es kann sein, dass die in der Therapie angeregten Prozesse auch noch nach Ende der Sitzung weitergehen können, deshalb ist es notwendig, dass zwischen Patient und Therapeut Absprachen hinsichtlich einer zwischenzeitlich möglichen Kontaktaufnahme getroffen werden.

Wichtig:

Im Rahmen des EMDR kann es bei etwa ein Drittel der Patienten vorkommen, dass sie die mit der Erfahrung verbundene, negativen Gefühle in ähnlicher Intensität wiedererleben.

Wann kommt EMDR zum Einsatz?

Normalerweise wird Erlebtes vom Gehirn verarbeitet und abgehakt. Allerdings können besonders negative oder gar traumatische Erlebnisse, mehr oder minderschwere, psychische Wunden hinterlassen. Sind diese Wunden geringfügig, kann das Gehirn sie ohne Hilfe bewältigen, so wie der Körper eine kleine Schnittwunde problemlos heilt.

Sind die Verletzungen allerdings schwerwiegend, können sie die Selbstheilungskräfte des Gehirns überschreiten – das Erlebte wird dann in unverarbeiteter Form im Gehirn abgelegt und durch ähnliche Situationen immer wieder unkontrolliert hervorgerufen. Alles was an das Trauma erinnert – ein Geruch, ein lauter Knall, eine Berührung – kann dazu führen, dass der Betroffene das Gefühl hat, die Situation nochmals durchleben zu müssen. Angst, Hilflosigkeit und körperliche Reaktionen wie Atemnot und Herzrasen treten auf.

Genau in solchen Situationen kommt eine EMDR Therapie zum Einsatz, denn ihr Ziel ist es, die Erinnerung des Betroffenen an das Trauma wie eine ganz normale Erinnerung ins Gedächtnis einzusortieren. Betroffene sollen sich nicht mehr wehrlos in die Situation zurückversetzt fühlen und von dieser überwältigt werden, sondern im Anschluss an eine Traumatherapie die Erinnerungen aushalten können.

Die EMDR Methode

Im Zuge der Traumatherapie sorgen drei Mechanismen dafür, dass der Betroffene die Erinnerungen an das Trauma nicht mehr als bedrohlich erfährt.
 
1. Bei EMDR werden Erinnerungen an das Trauma in einer sicheren Umgebung hervorgerufen und so mit einem Gefühl der relativen Sicherheit verbunden. Dadurch lernt der Betroffene mit der Zeit, dass die Erinnerungen nicht bedrohlich sind. Die Angst verringert sich, je öfter man sie durchlebt.

2. Die rhythmische Stimulierung durch die Augenbewegungen erleichtert dem Patienten, sich zu entspannten und die bedrohliche Erinnerung an neutrale Reize zu koppeln.

3. Im Traum werden Erinnerungen sortiert und im Langzeitgedächtnis abgespeichert. Während der EMDR Therapie sollen die schnellen Augenbewegungen genau diesen Vorgang kopieren. So sollen Gedächtnisprozesse angeregt und eine schnellere Heilung der traumatischen Verletzungen erzielt werden.
 
Im Gegensatz zu anderen Methoden der Traumabewältigung benötigt EMDR nachweislich 40% weniger Behandlungsstunden und kann so ein Trauma schnell und effizient therapieren (van Etten 1998).

Ablauf von EMDR

Eine EMDR Therapiesitzung folgt einem standardisierten Ablauf und ist in mehrere Stationen gegliedert. Die Stationen sind (1) das Erfassen der gesamten Vorgeschichte und Aufklärung des Patienten, um eine Diagnose zu stellen (Anamnese), (2) Herausarbeiten der belastenden Erinnerung (Stabilisierung), (3) die Bewertung der Erinnerung, (4) die Desensibilisierung und Abschwächung der traumatischen Erinnerung, (5) die Verankerung einer neuen Bewertung der Erinnerung, (6) der Körpertest und das Abklingen der Beschwerden, (7) das Abschlussgespräch.
 
Station 1: Anamnese
Zunächst muss in einem Gespräch geklärt werden, was genau geschehen ist, wie der Patient mit den Erlebnissen umgeht und welche Strategien er entwickelt hat, um diese Erlebnisse zu bewältigen.

Für den Therapeuten ist es wichtig, zu sehen, ob der Patient Teile der Ereignisse zu verdrängen versucht oder sogar aktiv unterdrückt, indem er sich Fragen entzieht oder die Antwort verweigert.

Der Therapeut versucht bei der Anamnese, eine Distanz zwischen Patient und den geschilderten Erlebnissen aufzubauen, damit der Patient emotional noch nicht in die Erinnerungen eindringt und nicht schon zu diesem Zeitpunkt damit überfordert wird.
 
Station 2: Stabilisierung
Bevor mit der eigentlichen EMDR-Therapie begonnen werden kann, muss der Therapeut sicherstellen, dass er alle Faktoren, den emotionalen Zustand und die Auslöser des Patienten genau kennt.

In diesem Stadium kann der Therapeut bereits mit den Augenbewegungen des EMDR arbeiten, um dem Patienten mit diesem Element der späteren Behandlung vertraut zu machen.

Darüber hinaus vermittelt der Therapeut dem Patienten „inneren sicheren Rückzugsort“. Dabei handelt es sich um einen emotionalen Punkt in der Gedankenwelt des Patienten, der als Ausweg bei einer psychischen Überbelastung während der Therapiesitzungen benutzt werden kann.
 
Station 3: Bewertung
Nun sucht der Therapeut mit dem Patienten nach einer Erinnerung, die für den Patienten das erlebte Negativgefühl beschreibt. Das aus dieser Erinnerung entstehende Bild des Gefühls wird dann vom Patienten bewertet und erhält sowohl eine negative Umschreibung, etwa „ich habe Furcht“, als auch eine positive Interpretation wie „ich kann die Furcht besiegen“.

Durch diese Interpretation soll der Patient die Situation in Zukunft nur noch mit der positiven Assoziation verbinden und die für ihn belastende Situation mit Hilfe der Augenbewegung in eine günstigere Bedeutung verändern.
 
Station 4: Desensibilisierung
In dieser vierten Station der EMDR-Behandlung werden die Augenbewegungen als therapeutisches Mittel zur Stressbewältigung eingesetzt. Der Patient fokussiert die konstruierte Erinnerung in seinen Gedanken und konzentriert sich auf die neue positive Assoziation, die er künftig mit der Erinnerung verbinden möchte.

Währenddessen folgt er den Fingerbewegungen des Therapeuten, wodurch die Transformation der Erinnerung im Gehirn ausgelöst und beschleunigt wird.

Wichtig:

In dieser Phase kommt es meistens zu den sogenannten Abreaktionen: Dabei wird die emotionale Energie, die die Erinnerung auslöst, mit körperlichen Reaktionen entladen. Beispiele dafür sind, heftiges Schnaufen, Weinen, Ekel oder Übelkeit.

Durch diese körperlichen Entladungen verliert die Stresssituation allmählich ihre Bedrohlichkeit und wird vom Patienten verarbeitet. In der Regel bedarf es mehrerer solcher Sitzungen, um die gesamte emotionale Energie freizulassen.

Station 5: Verankerung
Sobald sich der Patient an die Erinnerung ohne emotionale Entladung bzw. körperliches Unwohlsein erinnern kann, wird dieses neue, positive Gefühl mittels Augenbewegungen in seiner Erinnerung verankert.

Station 6: Belastungstest
Zeigt der Patient keine körperlichen Beschwerden beim Aufrufen der Erinnerungen, d.h. sind alle seine emotionalen Energien entladen, dann ist die Belastung endgültig vom Geist verarbeitet worden.

Station 7: Abschluss
Zu guter Letzt wird in einem Abschlussgespräch das Erlebte gemeinsam reflektiert. Es wird nun vom Therapeuten überprüft, ob der Patient das Erlebte auch vollständig verarbeitet hat oder neue Aspekte hinzugekommen sind. Erst wenn keine neuen Aspekte und keine negativen Emotionen mehr mit dem erlebten Trauma in Verbindung gebracht werden, wird die EMDR Therapie als abgeschlossen betrachtet.

Wirksamkeit von EMDR

Wissenschaftliche Untersuchungen Posttraumatischer Belastungsstörungen haben gezeigt, dass eine EMDR Therapie ebenso gute Effekte erzielt wie andere psychotherapeutische Verfahren der Traumatherapie (wie z.B. die Expositionstherapie).

Nach einer erfolgreichen EMDR-Sitzung erleben die meisten Patienten eine entlastende Veränderung der Erinnerung. Die durch das Trauma hervorgerufene körperliche Erregung klingt deutlich ab und die negativen Gedanken können positiv umgedeutet werden.

Neben der Behandlung von traumatisierten Menschen zeigt EMDR auch bei anderen Störungsbildern, die durch belastende Erlebnisse mit verursacht wurden, ihre Wirksamkeit.
 
Wirksamkeit von EMDR bei anderen Störungsbildern:

  • Trauer nach Verlusterlebnissen
  • Angststörungen
  • Belastungsbedingten Verhaltensstörungen von Kindern
  • Depressionen
  • Phantomschmerzen

Anpassungsstörungen Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass EMDR auch die Rückfallgefahr bei Alkoholkranken senkt (Hase 2008, Schneider 2007).

Was muss man bei EMDR beachten?

Zunächst macht sich der Therapeut ein Bild, ob Sie für eine EMDR Therapie geeignet sind. Ein unverzichtbares Kriterium ist, dass der Patient stabil ist bevor mit einer EMDR Therapie begonnen wird. Hilfreich sind dabei Stabilisierungstechniken, deren Übung Ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle während der angstauslösenden Erinnerungen an das Trauma geben.

EMDR ist es eine hoch wirksame Therapiemethode, die nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen ist. Bei inkorrekter Durchführung oder bei einer erhöhten Dissoziationsneigung des Patienten besteht die Gefahr einer Verschlechterung der Symptomatik.

Eine Behandlung mit EMDR sollte daher nur von entsprechend fortgebildeten Psychotherapeuten (Ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten und approbierte Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten) durchgeführt werden.

Zur Qualitätssicherung und zum Schutz der Betroffenen gibt es weltweit EMDR-Fachgesellschaften (z. B. EMDRIA Deutschland, EMDR Europe und EMDRIA USA), die die Ausbildung und Ausübung der EMDR-Methode mit klaren Qualitätsanforderungen und Ethikrichtlinien regeln.

EMDRIA Deutschland hat heute über 2000 ausgebildete und zertifizierte EMDR-Therapeuten als Mitglieder.

Wichtig:

Achten Sie darauf, dass der behandelnde Therapeut ein zertifizierter EMDR-Therapeut isst, scheuen Sie sich nicht den Therapeuten direkt darauf anzusprechen.

Kosten

EMDR Therapie ist seit 2006 vom wissenschaftlichen Beirat für Psychotherapie als wirksames Verfahren zur Traumatherapie bei Erwachsenen anerkannt.

Seit 2015 ist das Verfahren für die Behandlung von Erwachsenen mit Posttraumatischer Belastungsstörung im Rahmen einer Psychotherapie und Verhaltenstherapie zugelassen, die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen.

Wichtig:

Voraussetzung ist, dass der der Traumatherapeut eine ausreichende Qualifikation für die psychotherapeutische Behandlung im Allgemeinen als auch eine Ausbildung als EMDR-Therapeut vorweisen kann. In Deutschland wird diese Ausbildung von einem dem Verein EMDIRA angeschlossenen Institut durchgeführt und von den Landesärztekammern und der Psychotherapeutenkammer zertifiziert.

Quellen und Lesetipps:

  • Borwin Bandelow: Wenn die Seele leidet – Psychische Erkrankungen: Ursachen & Therapien. Rowohlt, Reinbek 2010.
  • Cora Besser-Siegmund, Harry Siegmund: EMDR im Coaching. 2. Auflage 2005. Junfermann, Paderborn.
  • Gallasch-Stebler, Andrea: „Nächste Station Erde. Langzeittherapie eines schwer traumatisierten Kindes in Praxis und Theorie.“ Pabst Science Publishers-Verlag, Lengerich 2012.
  • Ricky Greenwald: EMDR in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Ein Handbuch. Junfermann, Paderborn 2001.
  • Thomas Hensel (Hrsg.): EMDR mit Kindern und Jugendlichen. Hogrefe, Göttingen 2006.
  • Arne Hofmann: EMDR in der Therapie psychotraumatischer Belastungssyndrome. Thieme, Stuttgart 2005.
  • Christine Köhnke: Pilotstudie zur Evaluation der EMDR-Therapie mittels psychometrischer Verfahren und EKP. Med. Hochschule Dissertation, Hannover 2000.
  • Friedhelm Lambrecht, Ursula Gast (Hrsg.): Praxis der Traumatherapie. Was kann die EMDR leisten? Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2001.
  • Howard Lipke: EMDR und andere Ansätze der Psychotherapie, ein integratives Modell. Junfermann, Paderborn 2001.
  • Joan Lovett: Kleine Wunder. Heilung von Kindheitstraumata mit Hilfe von EMDR. Junfermann, Paderborn 2000.
  • Christine Rost: Ressourcenarbeit mit EMDR. Junfermann. Paderborn 2008.
  • Laurel Parnell: EMDR – der Weg aus dem Trauma. Über die Heilung von Traumata und emotionalen Verletzungen. Junfermann, Paderborn 1999.
  • Laurel Parnell: EMDR-Therapie mit Erwachsenen. Kindheitstrauma überwinden. Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2003.
  • Cornelia Schrader: Mit den Augen die Seele bewegen. Wege aus dem Trauma für Menschen mit geistiger Behinderung. Lebenshilfe, Marburg 2012.
  • Francine Shapiro: EMDR. Grundlagen & Praxis; Handbuch zur Behandlung traumatisierter Menschen. Junfermann, Paderborn 1999.
  • Francine Shapiro, Margot S. Forrest: EMDR in Aktion. Die neue Kurzzeittherapie in der Praxis. 3. Auflage. Junfermann, Paderborn 2007.
  • Francine Shapiro (Hrsg.): EMDR als integrativer psychotherapeutischer Ansatz. Junfermann, Paderborn 2003.
  • M.L. Van Etten, S. Taylor (1998). Comparative efficacy of treatments for posttraumatic stress disorder: A meta-analysis. Clinical Psychology and Psychotherapy 5: 126–144.

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